Künstlerinformationen

Cold Years

Single: "Night Like This"
Album: "Paradise" VÖ: 04.09.20

eOne

Vielleicht ist dies einer der Momente, an den man in drei, vier Jahren zurückdenkt, auf der Suche nach der Erinnerung daran, wann und wo man den ersten Song von Cold Years gehört hat. Wie das anfing, wann die Geschichte Fahrt aufnahm und die Band aus dem grau-verregneten Aberdeen sich aus dem Nichts einen Platz im universellen Rock-Bewusstsein erspielte. In den Geschichten, die es dann zu hören gibt, wird sicherdiese eine Nacht im Jahr 2014 eine Rolle spielen, als Ross mit seinen Kumpels Finlay und Fraser von Kneipe zu Kneipe zieht, im Hinterkopf die Idee, eine Band zu gründen. Finlay und Fraser muss er ein wenig überrumpeln. Beiden erzählt er, der jeweils andere hätte bereits zugestimmt, dabei zu sein. Ein simpler Trick, der an diesem feuchtfröhlichen Abend bestens funktioniert. Einige E.P.s werden veröffentlicht, aber erst mit dem Einstieg von Louis drei Jahre nach dem lebensverändernden Pub-Crawl geht es richtig los. Nachdem das ‚Kerrang‘-Magazin sie 2019 bereits als „Hottest Band“ auf dem Schirm hatte, erscheint jetzt ihr mit Spannung erwartetes Debütalbum.

„Paradise“ nennen Sänger Ross Gordon, Gitarrist Finlay Urquhart, Bassist Louis Craighead und Schlagzeuger Fraser Allan ihren ersten Longplayer und dass der Opener „31“ eigentlich das Album abschließen sollte, sich als atmosphärisches Eröffnungsstück jedoch ebenso kompatibel erweist wie als Farewell, spricht für die Dichte des Materials. „Ich mag diesen verhaltenen Einstieg mit der Akustikgitarre und wie es dann kurze Zeit später total mächtig wird“, so Gordon über den Song, der nach seinem aktuellen Alter betitelt ist.

Die Story des Songs selbst ein klassisches Epos zwischen Teenage Angst und Aufbruch, zwischen Sehnsucht und Verlust, die Geschichte vom Gras, das auf der anderen Seite immer grüner erscheint als dort, wo man selbst gerade steht. Wie Ross Gordon sich durch die Zeilen fleht, zwischen Euphorie und Verzweiflung, von seiner Schwester singt, die den Mittelgang der Kirche hinabschreitet, um ihrem Liebsten das Ja-Wort zu geben, demgegenüber der Ich-Erzähler, Ross Gordon selbst, der auf sein eigenes Leben blicktund nichts von alldem bislang erreicht hat, kein Mut, kein Mädchen, keine Zukunft am Horizont, eben kein „Paradise“ in Sicht, stattdessen nur ein beschissener Job in einer miesen Stadt für noch mieseres Geld - das ist der Stoff, der niemals altert, eine jener Geschichten, mit denen früher schon Springsteen, später dann Bands wie Gaslight Anthem, heute Cold Years das Kunststück gelingt, Trauer und Frustration in schiere Energie und neue Hoffnung zu verwandeln. Dabei ist es nicht nur persönliches Drama, das sich in den Songs der Cold Years widerspiegelt, es geht um eine ganze Generation am Abgrund, im von Brexit und Polit-
Elite gebeutelten Königreich. „Es ist beschissen, Schotte zu sein“, so hatte es Irvine Welsh seinen tragischen Helden Renton in „Trainspotting“ einst sagen lassen, ein Narrativ, das sich fortsetzt, ausweitet, aber mit Blick auf eine Band wie diese auch jede Menge Chancen birgt. Je offensichtlicher sich der Gegner zeigt, umso effektiver kann der Kampf sein. Cold Years führen ihn mit musikalischen Mitteln und bieten in kraftstrotzenden Songs wie „Breathe“, dem von Chorus-Chören zum Fliegen gebrachten „Burn The House Down“ oder dem unwiderstehlich melodiösen „Dropout“ einen Soundtrack, der allen Widerständen zum Trotz, nach Rebellion, neuen Ufern, einem besseren Leben schmeckt. Wo sind all die neuen Gitarrenbands, wenn man sie braucht, mag sich mancher zuletzt gefragt haben - Cold Years liefern darauf die perfekte Antwort.

Stilistisch ist die Punk-Grundierung kaum zu überhören. „Ich bin mit Rancid und Green Day groß geworden, Bands wie Bad Religion und die Ramones bedeuteten eine wahre Explosion für mich“, so Gordon über seine persönlichen Prägungen. Deren Gestus mag man in den Liedern seiner Band durchaus wiederfinden, doch so klar der 31-Jährige die Verwandtschaft zu schottischen Größen wie etwa Big Country abstreitet, es gibt da dennoch dieses so typisch schottische Melodielement, das die Songs mit Melancholie und weiten Melodiebögen über den bloßen Punk-Kontext erhebt, sie stattdessen den Spirit von Hot Water Music oder Nothington mit einer nicht zu verhehlenden Stadion- Kompatiblität abschmecken. Bis dahin mag es möglicherweise noch ein Album dauern, dann aber wird man sich ganz sicher die Frage vom Anfang stellen: Wo warst Du, als Du Cold Years zum ersten Mal gehört hast? Hier, lautet die Antwort, im „Paradise“, an einem Ort voller Feuer, Leidenschaft und Rock’n’Roll.

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